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Selbstorganisation in Organisationen
In den letzten [X Jahren] habe ich verschiedene Selbstorganisations-Frameworks begleitet oder selbst eingeführt — am intensivsten in meiner Zeit bei Mein Grundeinkommen. Dieser Text bündelt, was ich daraus gelernt habe, und benennt auch, wann ich Selbstorganisation nicht empfehle.
Die gängigen Frameworks kurz einsortiert
Die drei Ansätze, mit denen ich am meisten gearbeitet habe:
- Holacracy (Brian Robertson): stark regelgeleitet, mit einer ausführlichen „Constitution“. Gut für Organisationen, die klare Strukturen schätzen — anstrengend in kulturell eher intuitiv geführten Kontexten.
- Soziokratie 3.0 (James Priest, Bernhard Bockelbrink, Liliana David): modulares Pattern-Sammlung, deutlich anpassbarer als Holacracy. Meine persönliche Präferenz für die meisten Fälle.
- Kollegiale Führung / kollegiale Kreisorganisation (Bernd Oestereich, Claudia Schröder): pragmatischer, führungsfreundlicher Einstieg, der keine kompletten Verfassungsänderungen braucht.
Ergänzend nütze ich Frederic Laloux' „Reinventing Organizations“ als Sprachrahmen — nicht als Methodik, weil es keine ist.
Warum ich nicht jede Organisation in Selbstorganisation führe
Selbstorganisation ist ein Werkzeug, kein Wert an sich. In folgenden Situationen empfehle ich ab:
- Akute Krise. In der Krise braucht es klare Führung, nicht Beteiligung. Eine Organisation, die gerade Liquidität verliert, muss nicht Holacracy lernen.
- Schnelle Wachstumsphase. Wer mehr als 30 % pro Jahr wächst, hat nicht genug Kapazität, um zusätzlich einen Strukturwandel zu verarbeiten. Erst stabilisieren, dann umbauen.
- Großes Gefälle in der Veränderungsbereitschaft. Wenn die Führung umbaut, die operative Mannschaft aber nicht mitgenommen ist, entsteht Zynismus — der schwerer zu reparieren ist als klassische Führungsstrukturen.
Das steht in kaum einem Verkaufsgespräch von Berater:innen, die Selbstorganisation als Produkt anbieten. Ich finde, es sollte drinstehen.
Typische Fallstricke bei der Einführung
- Rollen-Inflation. Nach sechs Monaten haben viele Teams mehr Rollen als Menschen. Das lähmt. Rollen zu konsolidieren ist unbeliebt, aber notwendig.
- Entscheidungs-Flut. Wer „alle entscheiden alles“ missversteht, produziert wöchentliche Konsent-Runden zu Marginalien. Prinzip „gut genug für jetzt, sicher genug zum Ausprobieren“ muss aktiv eingeübt werden.
- Führungs-Vakuum. „Keine Chef:innen“ bedeutet nicht „keine Führung“. Führung wandert in Rollen — wenn das nicht expliziert wird, entstehen Schatten-Hierarchien.
- [Weiterer konkreter Fallstrick aus eigener Erfahrung].
Was tatsächlich den Unterschied macht
In den Organisationen, in denen Selbstorganisation trägt, sehe ich wiederkehrend drei Elemente:
- Eine Gründungs- oder Führungsperson, die bereit ist, formale Macht abzugeben, ohne Verantwortung abzugeben. Das ist keine Haltungsfrage, das ist eine Arbeit an der eigenen Biographie.
- Klarheit über das Purpose — nicht als Marketingsatz, sondern als Entscheidungsheuristik. Ohne gemeinsam geteiltes Purpose wird jede Strukturfrage persönlich.
- Geduld mit der Einführungsphase. Zwei bis drei Jahre, in denen Schwankungen zu erwarten sind.
Wann Selbstorganisation kontraproduktiv wird
Kurz zusammengefasst: wenn die Organisation damit versucht, eine Führungs- oder Konfliktfrage zu umgehen. Strukturen lösen keine Beziehungskonflikte. Wer Selbstorganisation einführt, um nicht mehr führen zu müssen, wird enttäuscht — und schadet der eigenen Organisation.
Häufige Fragen
- Wie lange dauert der Umbau?
- Als Richtwert: [Dauer — z. B. 12–24 Monate] bis die neuen Strukturen rund laufen, weitere [Zeitraum] bis Entscheidungsqualität und Geschwindigkeit wieder das Vor-Umbau-Niveau erreichen. Danach typischerweise Überholung.
- Was kostet das?
- Es gibt zwei Kostenblöcke: Beratung/Training (überschaubar) und interne Aufmerksamkeit (groß). Der zweite wird regelmäßig unterschätzt.
- Was passiert, wenn die Gründungsperson wechselt?
- Dann ist die Organisation besonders verletzlich. Selbstorganisation ist stabil gegenüber einzelnen Rollenwechseln, aber fragil gegenüber einem Haltungswechsel an der Spitze.